Autor Thema: Einbildungskraft eines Pfälzers  (Gelesen 1719 mal)

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Offline pinoccio

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Einbildungskraft eines Pfälzers
« am: 24. Jun. 2007, 13:43 »
Hi

Meine erste Hifi-Erfahrung hatte ich mit zarten 4 oder 5 Jahren. Damals musste ich in den Ferien bei meiner Oma auf dem Küchen-, Mittagsschlaf- Bauchhochstreck- und Ausruhsofa übernachten. Über dem, mit feiner Bettwäsche überzogenen, Sofa - Spiralfederkern Marke: Quietsch und Leier - stand ein highfideles Normende-Röhrenradio (könnte aber auch ein Saba gewesen sein..) mit einem großen grünen fratzenhaftem glühenden Auge. Nachts bemerkte ich aus diesem Wundergerät, welches tagsüber doch so wunderschöne Melodien wie z.B. von den Moody Blues "Nights In White Satin" zauberte, ein Kratzen, Scheuern und Schaben. Dieses machte mir freilich unheimlich Angst. Weil es mir Angst machte, wurde meine Oma immer wach getrommelt. Und weil es tagsüber nie auftrat, wollte mir dies auch keiner so richtig abnehmen. Tagsüber waren deswegen alle immer Müde, spuckten Gift und Galle weil ich nicht locker lies - und Pfälzische Kleinkinder können wirklich toll "trommeln". Nach 2 oder 3 Nächten mit ausgiebigem Trommelns, bei dem ich meine frühkindlichen rhythmischen Fähigkeiten verfeinern konnte,  konnten ich, meine Oma und die anderen 5 Personen im Haus endlich durchschlafen - die Geräusche waren plötzlich weg. Mich bezeichnete man nun ausgiebig als doofes, ängstliches Kind mit großer Einbildungskraft (Fachbegriff "Autosuggestion" war 68 noch nicht üblich und bekanntlich nur in "Schwarz-Weiß" zu haben). Spott und Häme durfte ich mir von meinen etwas älteren Cousin/en anhören, das war nun nicht gerade sehr nett. Irgendwann waren die Ferien bei Omi vorbei und ich musste nach Hause. Ohne glühendes Radio, jedoch mit der Gewissheit, dass diese Radios (und weiße Seidenbettwäsche) vielleicht etwas Besonderes sind.  :;055
 
Nach Wochen, so erzählte man mir später kleinlaut, lag ein Verwesungsgeruch in der Küche meiner Oma. Man fand eine verweste graue Maus mit großen Augen, die anscheinend im Röhrenradio äußerst tragisch ums Leben kam. Ich persönlich vermute, sie hat wegen zuviel (oder zuwenig...) Heintje-Musik im Radio den Freitod gewählt.
 
Nicht dass mich das jetzt traumatisiert hätte …
 
Aber.. :;043
 
Kondensatoren, Widerstände, Trafos, Spulen, Kabel,  und Röhren sind einfach mehr, als nur simple elektrische Bauteile, die sich einfach mit Kostanten und Parametern erklären lassen  :book:
 
Soweit mein (nicht ganz ernst gemeinter, dennoch wahrer) Einstieg in die Welt der Musikwiedergabe. :;025
 
Für mich existieren, pauschal gesagt, zwei Welten. Eine die vernünftig und rational zu erklären versucht, Warum? Warum nicht? Weshalb? Weshalb nicht? so mancher (subjektiv) hörbare Effekt vorhanden ist. Dann wäre da noch die spezielle andere Seite. Ich probiere gerne verschiedene Tunnig-Maßnahmen aus, ob sie mir eine Steigerung in der Wiedergabe bringen können oder nicht. Ohne, dass ich vorher eine Erklärung für diese Aktion suchen will. Dabei ist es mir sogar herzlich egal, ob ich einer Suggestion aufgesessen bin – "Mäusegeräusche" können es übrigens nicht sein, wir haben ja Katzen. Im Prinzip gehe ich mal davon aus, dass mir meine jetzige Illusionsmaschine mit ihrem Klang auch gefällt, sonst würde ich sie wahrscheinlich nicht mehr anschalten. Marken oder Firmen sind mir weitgehend egal, verfolge aber gerne und interessiert Werdegänge und Produkte von bestimmten Firmen. Es gibt immer etwas auf dem Weg zum besseren persönlichen Freudenspender wo einem irgendwann vielleicht mal besser gefällt. Letztendlich sind das aber alles nur Gebrauchsartikel fürs Hobby. Oberste Priorität gilt meiner eigenen Definition von Preis-Leistung und die ist manchmal wirklich etwas unverschämt.

Aber es ist auch ein Weg der sicherlich niemals komplett durchschritten werden kann. Gerade wenn ich hier und da (ja, lese auch gerne Hifizeitschriften) Erfahrungsberichte durchlese, kommt hier und da ein kleiner Wegweiser hinzu, dem ich gerne nachfolgen möchte. Für mich sind dies immer Wege, die sich um den 'Musikkosmos' herumschlängeln.

Auch erscheint mir z.B. das gesamte Umfeld des Abhörraumes wichtig, da bin ich wieder froh nicht im Einzelnen wissen zu müssen, was dieser Kondensator, dieses Kabel, oder dieses Dingelchen technisch überhaupt für einen Sinn machen könnte. Das Auge hört quasi mit um die Illusion zu beschleunigen oder zu verfeinern. Dennoch vergesse ich (meistens) nie die Musik, um die es geht und die mir dieses Hobby schließlich eingebrockt hat. Nur.. sie ist halt auch nicht das *Alles* für mich.
 
Deswegen bin ich hin – und hergerissen zwischen vernünftig oder kritisch sein und eben einfach nur mal zwangfrei ausprobieren. Manchmal teste ich, manchmal bin ich es einfach leid und gebe mir genug Zeit einfach nur Musik zu genießen, manchmal bleibt eben alles komplett aus. Gott sei Dank bin ich mit einer Frau verheiratet, die meine Marotten nicht so arg ernst nimmt, mir überhaupt diesen persönlichen Freiraum zugesteht. Vielleicht weil sie auch weiß, dass ich deswegen ein häuslicher und genügsamer Typ bin.  :;070

Sodele, das soll es jetzt mal fürs Erste gewesen sein, war eh mal wieder lang genug.   :;034

Liebe Grüße aus der Pfalz
Stefan
« Letzte Änderung: 29. Jul. 2007, 21:43 von pinoccio »
Die Berühmtheit mancher Zeitgenossen hängt mit der Blödheit der Bewunderer zusammen - Heiner Geißler